• Mein Schreibtisch
  • Gleicher Tisch, andere Perspektive. Rechts die "Dauerbrennerzone".
  • Das neu angekommene Taufkleid liegt zur Inventarisierung auf dem Schreibtisch bereit.
  • Ein Detail des Oberteils des Säuglingstaufkleids.
  • Ein Detail der aufwändigen Stickerei am Säuglingstaufkleid.
  • Ein weiteres Detail der Stickerei des Taufkleides.

Mein Museumsschreibtisch im Turm

Er ist weiß Gott nicht mein erster, aber einer, der inzwischen zu einem sehr lieb gewordenen Arbeitsplatz in meinen vielen Berufsjahren avanciert ist!

Das weiß beschichtete Etwas mit Arbeitsflächen, Schubladen und Ordnerregalen ist ein teuer erkauftes städtisches Arbeitsmittel und steht im 12. Stock des Tagblattturms in einem Zimmer mit Kippfenster in Richtung Westen zur Karlshöhe (häufig schönes Abendrot!). Ich hatte auch schon Echtholzschreibtische mit schwer gängigen Zugfächern und einer Schreiboberfläche mit geritzten historischen Einträgen von diversen Vorgängern wie auf Schulbänken.

Mein jetziger Arbeitsplatz hat drei Bereiche:

1. Die aktive Arbeitszone mit Telefon, Adresskartei, PC und den griffbereiten „Jetzt-und-gleich-zu-erledigenden-to-do’s“. Hier bin ich die Ansprechpartnerin, wenn Anrufe und Emails eingehen. Hier mache ich meine Termine. Hier ist es mein Ziel, immer gut organisiert zu sein. Wer mich braucht, kann mich hier finden.

2. Im rechten Winkel dazu die stetig anwachsende „Dauerbrennerzone“ mit den Rechercheunterlagen, Materialien, Protokollen, Plänen, Themen- und Objektlisten und Fotos für die in Planung befindliche Einrichtung der Dauerausstellung des zukünftigen Stadtmuseums im Wilhelmspalais. Hier fühle ich mich als Wissenschaftlerin in meinem ureigenen Element, und, hier bearbeite ich die Kunst- und Kulturgeschichte der Stadt für unsere Ausstellung. Der Stehpultaufsatz ist gut für meine Wirbelsäule und noch besser für den Weitblick. Denn nur beim Arbeiten im Stehen kann ich auf unsere Stadt blicken, über die wir im Team so viel diskutieren. Wenn ich stehe, habe ich Stuttgart im Blick, das hat schon oft meine Gedanken beflügelt!

3. Links von mir schließt sich in meiner Schreibtischlandschaft, ebenfalls im rechten Winkel, mein liebster Bereich an: Der „Gabentisch“ mit Viertelkreisplatte und zwei Besucherstühlen. Auf diesem Tisch ist immer Weihnachten und Ostern gleichzeitig. Hier kommen all die Dinge an, die wir für unsere Museumssammlung geschenkt bekommen oder kaufen. Als Sammlungsleiterin ist es meine Aufgabe, unsere Objektsammlung so aufzubauen und zu erweitern, dass wir daraus, erstens eine herausragende Dauerausstellung im Wilhelmspalais aufbauen können, und zweitens langfristig auch jährliche Sonderausstellungen bestreiten können. Das Akquirieren nimmt einen guten Teil meiner Arbeitszeit in Anspruch. Ich mache das aber richtig gerne und freue mich über alle Anrufe oder schriftliche Angebote! Sie kommen nahezu täglich, das ist schön!

Unsere jüngste Neuerwerbung ist ein Taufkleid für eine protestantische Kindstaufe von herausragender Qualität und mit einer sehr schönen und anrührenden Familiengeschichte. Darüber möchte ich berichten.

Im Christentum wird ein Taufkleid für eine Säuglingstaufe aus weißem Stoff (Symbol für Reinheit, Unschuld und ewiges Leben) genäht und ist heilsgeschichtlich betrachtet ein „hochzeitliches Gewand“. Jesus ist im übertragenen Sinne der Bräutigam des Täuflings und dieser geht durch die Taufe einen Bund mit Jesus und Gott ein. Das erklärt auch den brautkleidartigen Schnitt solcher Taufkleider mit schmalem, eng anliegendem Oberkörper und ausladendem, überlangem Rock. Die Überlänge ist beim Taufkleid zudem ein Symbol für die Größe Gottes. Es gibt auch Familientraditionen, da wird das Taufkleid aus dem Brautkleid der Mutter genäht. Am Ende des Lebens ist da noch das Totenhemd, auch das ist weiß. Aber das ist ein anderes Thema.

Unsere Schenkung kommt aus einer alteingesessenen Stuttgarter Familie. Der feine, weiße und in Handarbeit sehr aufwändig bestickte Stoff stammt nach Berichten der Familie aus dem Besitz von Königin Olga von Württemberg. Es ist nicht mehr überliefert, ob der Stoff, wie mündlich tradiert, aus der Schleppe des Verlobungs- oder des Hochzeitskleides von Olga Nikolajewna Romanowa (1822–1892) stammt, die im Jahr 1846 den württembergischen Thronfolger Karl geheiratet hat.

Bekannt ist, dass Königin Olga zwei Hofdamen hatte, Marie und Mathilde Schwarzwälder, über die der Stoff in Familienbesitz gelangte. Zum Taufkleid umgenäht wurde das kostbare Geschenk von Marie Redwitz, einer Nichte der beiden. Der erste Säugling, der in diesem Kleidchen getauft wurde war deren Nichte, Mechtild Hegelmaier, die Tochter des Bankdirektors und Wirklichen Staatsrats Leopold Hegelmaier (1884-1936) sowie in Folge alle ihre Nachfahren. Aus den 1930er Jahren sind die ersten und zugleich letzten Fotos der Täuflinge mit Geschwistern und Cousinen erhalten.

Das Taufkleid kann inzwischen in den Familien nicht mehr einsetzt werden, denn Babys werden bekanntermaßen mit immer mehr Gewicht und Größe geboren, als dies in der Zeit von 1890 bis 1940 der Fall war. Auch das christliche Taufritual hat sich verändert; Babys werden nicht mehr in den ersten Tagen nach der Geburt getauft, sondern erst Wochen oder Monate später.

Und so kam es, dass ein Taufkleid mit einer sehr eindrücklichen Stadt- und Familiengeschichte auf meinem „Gabentisch“ für das Stadtmuseum gelandet ist.

Mein herzlicher Dank gilt der Schenkerin und der Zeit, die sie sich nimmt, alle Daten für uns zu recherchieren! Momentan ist sie immer noch damit beschäftigt, alle Familiendaten und Fotos für unser Inventar zusammenzutragen.

Ich freue mich, dass ich das wunderbare weiße Kleidchen für ein Stündchen, links neben mir, auf dem Tisch ausbreiten durfte. Es hat sich mit mir erst zaghaft, dann munter unterhalten, nachdem ich ein paar alte Fotos mit ihm dazu gelegt habe.

Dann kamen ein paar Meter säurefreies Seidenpapier und ein auf Maß bestellter säurefreier Karton, in dem das gute Stück nun konservatorisch sicher verwahrt wird; sicher verwahrt bis wir es vielleicht 2017 in der Ausstellung im Wilhelmspalais wiedersehen werden.

 

 

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