• Das Buch "Samothrace sur Neckar" beschreibt die Lebensverhältnisse der Griechen in Stuttgart in den 1970er Jahren.
  • 1977 erschien das Hauptwerk der französischen Forschergruppe, die das Leben der Gastarbeiter in Stuttgart untersuchte.

Samothraki am Neckar

Ein Überschrift, die nach Urlaub klingt. Ich dachte mir, dass kann ich in den Sommerferien mal bringen. Aber: wie passen Samothraki und Neckar zusammen? 1982 erschien das Buch „Samothrace sur Neckar“, was weder ein Reiseführer noch eine geographische Verirrung des Autors war. Vielmehr ist es Teil einer kurzen Schriftenreihe, die in diesen Jahren auf französisch erschien. Die Autoren der Reihe waren alle Teil einerGruppe französischer Wissenschaftler, die in den 1970er Jahren in Stuttgart unterwegs war, um über die Lebensverhältnisse der Migranten in der baden-württembergischen Hauptstadt zu forschen.

Emil Kolodny schrieb über die Griechen, die sich im Großraum Stuttgart seit 1961 niedergelassen hatten und aufgrund des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und Griechenland hierher gekommen waren. Kolodny hatte sich bis dahin mit den Bewohnern der griechischen Inseln beschäftigt und wie sich die Gesellschaft dort veränderte. Er selbst musste irgendwann feststellen, dass viele der Bewohner nach Deutschland auswanderten, um dort mehr Geld zu verdienen. Also zog er Ihnen mehr oder weniger nach und kam mit einer Forschergruppe nach Stuttgart. Die Universität an der dieses Projekt angesiedelt war, war die Universtität in Aix-en-Provence, und zwar genauer im Institut für Forschungen zur Mittelmeerregion am Zentrum  für die Geographie des Mittelmeerraumes.

Das Buch „Samothrace sur Neckar“ ist eine wunderbare Ethnografie der Lebensumstände der Griechen in Stuttgart in den 1970er Jahren. Hauptsächlich beschäftigt sich der Autor mit Bad Cannstatt; er beschreibt den Alltag, die Läden und die Treffpunkte. Aber er erzählt auch von einzelnen Menschen und ihrem Lebensweg. Es ist ein ungewöhnlicher Einblick in eine Zeit, die uns heute auch schon fremd erscheint. Es ist der Blick eines französischen Griechenlandkenners auf die griechische Community in Stuttgart und damit eine Quelle von unschätzbarem Wert für unsere heutige Arbeit. Ein Beispiel:

Le système de la journée continue pertube également le rituel méditerranéen de l’apéritif de midi. Toutefois, beaucoup d’étrangers ont pris goût à une ou plusieurs „chopes matinales“ (Frühschoppen) précédent le déjeuner. Si bien qu’avant midi apparaissent les premiers habitués qui vont prendre leur poste (les Grecs disent vardia, déformation du mot guardia. „garde“) à quatorze heures. On trouve ensuite ceux qui, en quittant l’usine, transitent par le café. Ils sont d’ordinaire peux nombreux. La plupart préfèrent le début de soirée quand, après avoir repris des forces, l’heure est propice à engager und partie de cartes. Plus tard arrivent ceux qui s’apprêtent à passer une nuit blanche à leur poste, tandis que les lève-tard demeurent jusqu’à la fermeture.

So wie Kolodny auf die Griechen schaute, beschäftigte sich Melih Cetinsoy mit den Türken, Michel Drain mit den Spaniern und Portugiesen, Maria Luis Gentileschi, Anna Leone und Antonio Loi mit den Italienern. Damit waren fast alle wichtigen „Gastarbeiter“-Nationen abgedeckt.

Das Hauptwerk der Forschergruppe „Les étrangers à Stuttgart“, bereits 1977 erschienen, wurde auch zu einer wichtigen Grundlage der Stuttgarter Ausländer- und Integrationspolitik. Als die Stadt Stuttgart 1978 ihre Broschüre „Ausländische Einwohner in Stuttgart“ veröffentlichte, griff sie auf das Zahlenmaterial der französischen Forschergruppe zurück.

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