Erbsen und Radieschen im Museum

Zwei der ersten Objekte, die ich für die Sammlung des Stadtmuseums ausfindig machte, sind diese zwei Holzschilder. Auf den ersten Blick erscheinen sie nicht sonderlich spektakulär – grüne Schilder, die auf eine Sorte Erbsen bzw. auf eine Sorte Radies aufmerksam machen. Ihre Aufschrift löst jedoch Irritation aus: „Die ab 1. August 1938 nur noch zugelassene Reichssorten von Erbsen“ und führt in die Tiefen der nationalsozialistischen Propaganda.

Im April 1939 wurde auf dem Stuttgarter Killesberg die sogenannte „Reichsausstellung des Deutschen Gartenbaus“ eröffnet. Eine scheinbar unpolitische Leistungsschau des beruflichen Gartenbaus und der Blumenzucht, die für Stuttgart als willkommener Anlass zur propagandistischen Selbstpräsentation als „Großstadt zwischen Wald und Reben“ diente. Die Schilder sind mit großer Wahrscheinlichkeit Überbleibsel dieser Propagandaschau, wie weitere Recherchen bestätigten.

Auf dem Gelände der Reichsgartenschau fand damals auch eine Lehrschau über den Gemüsebau statt, wie man dem offiziellen Führer der Reichsgartenschau entnehmen kann. Bei dieser Lehrschau wurden u. a. die „Reichssorten von Stangenbohnen, Buschbohnen, Erbsen, Spinat, Kopfsalat usw.“ ausgestellt, wofür die Schilder möglicherweise als Kennzeichnung dienten. Die Lehrschau des Gemüsebaus sollte somit dazu dienen, Besucherinnen und Besucher die Unterschiede der Gemüsesorten vor Augen zu führen und den eingeführten „Reichssorten“ zu mehr Popularität verhelfen.

Der Hintergrund dieser ominösen Gemüse-„Reichssorten“ geht auf die Ergebnisse der nationalsozialistischen Pflanzenzüchtungen zurück. So strebte man auf dem Gebiet die Herstellung von Kulturpflanzenarten an, „mit denen auf den deutschen Böden und in den deutschen Klimabezirken die Ernährung und die Versorgung mit den wichtigsten Rohstoffen gewährleistet werden“ sollte. Pflanzenzüchter wollten sich dabei „auf heimisches Gut“ konzentrieren, um künftig die Selbstversorgung Deutschlands mit Nahrungs- und Futtermittel garantieren zu können und darüber hinaus „Nutzpflanzen zu schaffen, welche eine dichtere Besiedlung des ganzen Nordost- und Ostraumes möglich machen.“

Die schlichten Holzschilder spiegeln somit zwei zentrale Aspekte der nationalsozialistischen Ideologie wider, die man ihnen auf den ersten Blick nicht ansieht. Sie sind Zeugen des Autarkiestrebens und des Expansionwillens des nationalsozialistischen Regimes.

Mittlerweile sind die Schilder bei uns im Museum inventarisiert, restauratorisch begutachtet und im Depot gelagert.

Die Zitate stammen von Wilhelm Rudorf, Pflanzenzüchter (abgedruckt in Susanne Heim: Kalorien, Kautschuk, Karrieren. Pflanzenzüchtung und landwirtschaftliche Forschung in Kaiser-Wilhelm-Instituten 1933-1945) und dem Artikel von Häffner: Die Freilandlehrschauen des Reichsnährstandes, in: Ausstellungs- und Fremdenverkehrsamt der Stadt Stuttgart (Hrsg.): Reichsgartenschau Stuttgart 1939. Veranstalter: der Reichsnährstand und die Stadt Stuttgart, Stuttgart 1939.

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