Stuttgarter Streunerprozess

Oft werde ich gefragt, was man als Mitarbeiterin in einem noch nicht vorhandenen Museum eigentlich so tut. Eine Antwort darauf betrifft eine meiner liebsten Arbeitsbeschäftigungen: die Recherche. Vor ein paar Wochen war ich dazu in Berlin im Archiv des Schwulen Museums. Überrascht? Ich war es auf alle Fälle ob der vielen Bezüge zur Stuttgarter LSBTTIQ-Geschichte, die ich dort fand…

In den drei großen Kartons mit Archivalien zu Stuttgart stieß ich auf eine Dokumentensammlung zu dem sogenannten Stuttgarter Streunerprozess. Eine Angelegenheit, die nach einer völlig veralteten Geschichte von anno dazumal klingt. Falsch gedacht. Die Geschichte des Stuttgarter Streunerprozesses spielte sich vor nicht einmal 50 Jahren mitten in Stuttgart ab.

An Heiligabend des Jahres 1969 veröffentlichte das Amtsblatt der Stadt Stuttgart eine „Polizeiverordnung über das Verbot des Nächtigens und Streunens“. Aufgelistet wurden darunter 38 Orte, wie der Schlossplatz oder der Stadtgarten, an denen es von nun an verboten sein sollte sich nachts aufzuhalten. Zuwiderhandlungen sollten mit Geldstrafen bis zu 500 Mark oder gar mit einer Freiheitsstrafe von bis zu 14 Tagen bestraft werden. Warum verhängte die Polizei damals ein solches Verbot, das die persönliche Freiheit derartig beschnitten hat?

Das haben sich sicher auch der damals zwanzigjährige Willi Freitag* und seine Freunde gefragt, deren Unterlagen ich nun knapp 40 Jahre später im Archiv des Schwulen Museums in den Händen halte. Die Gruppe um Willi Freitag pausierte auf ihrem Nachhauseweg von einem Clubbesuch am 12. August 1972 um 2.40 Uhr im Stadtgarten, als sie sogleich von zwei Polizisten angesprochen und aufgrund ihrer Anwesenheit „zur Verbotszeit“ auf die Wache gebracht wurden. Das Ergebnis ihres nächtlichen Aufenthalts im Stadtgarten lese ich zwei Seiten weiter auf einer Strafverfügung gegen den jungen Willi Freitag. Tatbestand: Er habe „am Samstag, dem 12.8.1972 um 2.40 Uhr im Stadtgarten, in Stgt-Mitte unter einem Baum gesessen, obwohl dort das Nächtigen und das Streunen in der Zeit von 24:00 Uhr bis 06:00 Uhr verboten ist.“ Am 27.09.1972 folgte die Ladung zum Prozess. Wozu diese Aufregung? Die Freunde hatten keine Drogen bei sich, pöbelten nicht oder waren sonst irgendwie auffällig. Wieso war eine solche Handhabe also notwendig?

Die offizielle Erklärung der Polizei lautete kriminellen Machenschaften und dem Drogenhandel in der Innenstadt Einhalt zu gewähren und „Sicherheit, Reinlichkeit und Ruhe“ zu garantieren. Das inoffizielle Vorhaben aber – so die Vermutung des 20jährigen homosexuellen Willi Freitag – waren Verfolgung, Schikane und Bestrafung Homosexueller. Ob dem so war, werde ich versuchen über weitere Recherchen herauszubekommen (Hinweise nehme ich gern entgegen!).

Das Urteil von Willi Freitags Gerichtprozess halte ich eine weitere Seite später in den Händen: Willi Freitag wurde zu einer Geldstraße von 30 DM oder ersatzweise 2 Tagen Freiheitsstrafe verurteilt, weil er sich „im Stadtgarten auf dem Boden hockend“ und „ohne vernünftigen Sinn und Zweck zur Verbotszeit dort“ aufhielt. Plötzlich erscheinen mir die 1970er Jahre glücklicherweise doch weit entfernt von dem Hier und Jetzt.

Ich danke den Archivmitarbeitern des Schwulen Museums für die freundliche Unterstützung.
Die derzeitige Sonderausstellung im Schwulen Museum ist übrigens sehr zu empfehlen: http://www.kamerad-diva.de/de

 

*Namen wurden geändert

 

zurück zur Übersicht

Schreibe einen Kommentar

Dein Kommentar wird unter unten angegebenem Namen veröffentlicht. Deine Email-Adresse wird nicht angezeigt. Hinweise zum Datenschutz findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

20 − = 17