• Gebäude von Frei Otto, Institut für leichte Flächentragwerke der Universität Stuttgart, 1967/68 als Modell für den deutschen Pavillon in Montreal (heute ILEK)
  • Modell des Olympiastadions von 1972 mit Dach von Frei Otto
  • Gesamtansicht Modell Olympiagelände München 1972

goodbye Frei

Frei Otto, der große Architekt und Erfinder des Leichtbaus, ist am 9. März in Warmbronn bei Leonberg im Alter von 89 Jahren gestorben. „Natürliche Konstruktionen“: Zeltartige Dächer, Seilnetze und Gitterschalen waren sein Metier. 1964 gründete er in Stuttgart das „Institut für leichte Flächentragwerke“ und arbeitete dort (bis 1991) interdisziplinär mit Biologen, Paläontologen, Medizinern u.a. zusammen. Es wurde ein internationaler Think Tank für ökologisches Bauen. Ein Meilenstein der Architekturgeschichte war Frei Ottos deutscher Pavillon auf der Weltausstellung Expo in Montreal im Jahr 1967, die unter dem Motto „Man and his World“ stattfand. Seitdem wurde aus Frei Otto ein Mann von Welt und von Weltruf, der fortan regelmäßig Architekturpreise und Ehrungen erhielt.

Vor einiger Zeit konnten wir ein Modell des Baus für unsere Sammlung kaufen, mit dem Frei Otto seinen Durchbruch als Vertreter der biomorphen (organischen) Architektur erlangt hatte: Es ist das Modell des Olympiageländes der 10. Olympiade in München von 1972. Frei Otto entwickelte dafür die Seilnetzdächer über den Stadionrängen (siehe auch blog vom 9.11.14). Den Wettbewerb hatte das Stuttgarter Büro Behnisch+Partner mit dem Ingenieur Heinz Isler gewonnen. Aber Frei Ottos eindrückliche Dachkonstruktion mit Seilnetzen und Acrylglasplatten, die er mit Hilfe des Bauingenieurs Jörg Schlaich entwickelte, macht die Sportstätten bis heute einmalig und unverwechselbar.

Im Herbst 2008 durften wir den internationalen Pionier des Leichtbaus in seinem Haus besuchen. Beim Gespräch saßen wir sehr bequem auf den von ihm entworfenen Montreal-Stühlen des Expo-Pavillons aus den 1960er Jahren. Frei Otto freute sich über die politische Entscheidung der Einrichtung eines Stuttgarter Stadtmuseums im Wilhelmspalais. Dann resümierte er kritisch die jüngere Stadtentwicklung mit den Abrissen und Wiederaufbauten von Gebäuden nach 1945: Kaufhaus Schocken, Kronprinzenpalais, Neues Schloss, Marktplatz und Rathaus, Kleiner Schlossplatz, Kunstgebäude. Er mochte sein Stuttgart, das spürte man. Und: er war ein intensiver Denker.

Nach seinem Werk befragt, legte er einen Schwerpunkt auf die Zusammenarbeit mit seinem Schüler Mahmoud Bodo Rasch und dem Büro Rasch+Bradatsch (SL Rasch GmbH). Die Aufträge und immensen Baumöglichkeiten in der arabischen Welt hatten bei ihm einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

Unser Gespräch währte lange, es wiederzugeben würde den Rahmen sprengen. Wir haben Frei Otto als sehr reflektierten und wachen Geist erlebt. Er war nicht redselig was sein Werk betraf, aber er sprach gerne von seinen Weggefährten. Der letzte Aufreger im Gespräch war der Stuttgart-21-Bahnhof. Hierfür entwarf Frei Otto noch die Lichtaugen, dann zog er sich aus dem Projekt zurück. Als wir uns verabschiedeten versprachen wir, in Kontakt zu bleiben und weiter vom Fortschreiten des Projekts Stadtmuseum zu berichten.

Jetzt hat sich Frei Otto zur Ruhe gelegt.

goodbye Frei

 

 

zurück zur Übersicht
  1. Was für ein besonderer Mensch und Architekt! Danke für diesen schönen Beitrag, der ihn uns ein bisschen näher bringt. Wir hier in Köln haben ja im Rheinpark auch kleine Zeltdächer und sind stolz auf diese schöne Fingerübung von ihm

    • Ja, Anke, genau. Gestern habe ich mir das sogenannte Sternwellenzelt über dem Kölner Tanzbrunnen von Frei Otto nochmal angeschaut. Es entstand zur Bundesgartenschau 1957. Da es mit den Jahren mitgenommen war, wurde es vor einiger Zeit wohl erneuert.
      Ich selber habe Frei Otto 1981 entdeckt: Bei einem Besuch im Tierpark Hellabrunn sah ich seine Voliere und war beeindruckt. Damals dachte ich noch über ein Biologiestudium nach, das war der Hauptgrund meines Besuchs dort.

  2. Gute Anregung, Edith,
    ich werde am Wochenende einfach mal einen Ausflug in den Rheinpark machen! Ja, es wurde sozusagen „wetterfest“ gemacht!
    Ich bin ein großer Fan der Architektur, die eine Nähe zur Bionik aufweist …

Schreibe einen Kommentar zu Edith Neumann Antworten abbrechen

Dein Kommentar wird unter unten angegebenem Namen veröffentlicht. Deine Email-Adresse wird nicht angezeigt. Hinweise zum Datenschutz findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

72 − = 71