Unbekannte Stadtgespräche über getrennte Familien

Bereits im September hatte ich über das Thema der getrennten Familien hier im Blog geschrieben. Und es bleibt in der Recherche nicht wirklich einfach. Es verlangt viel Engagement, Kontakte und manchmal vielleicht auch nur Glück. Zur Erinnerung: im Rahmen der Stadtgespräche in unserer Dauerausstellung wollen wir uns auch mit der Arbeitsmigration nach 1955 beschäftigen. Ein Thema, das uns nicht nur am Herzen liegt. sondern auch für die Stadtgeschichte von großer Bedeutung ist. Durch die Anwerbeabkommen mit Italien, Spanien, Griechenland, Jugoslawien, Portugal, Tunesien und Marokko kamen so viele Menschen in die Stadt, die diese Stadt sehr verändert haben bzw. sie ist durch sie so geworden wie sie heute ist. Doch was kann in einer Ausstellung als Stadtgespräch zur Arbeitsmigration dargestellt werden? Wir wollen nicht darüber sprechen, was die Stuttgarter über die Ankömmlinge dachten, sondern einen Perspektivwechsel vornehmen. Es scheint uns daher von größerem Interesse zu sein,  diese Menschen, die nach Stuttgart kamen zu Wort kommen zu lassen. Viel zu wenig wissen die meisten Stuttgarterinnen und Stuttgarter, was sie in dieser Zeit beaschäftigte und was für sie ein Stadtgespräch war, das sie wirklich führten.

Zu Beginn der Recherche ging ich davon aus, dass es der Anwerbestopp von 1973 ein Stadtgespräch hätte sein können, denn ab diesem Zeitpunkt mussten viele Familien die Entscheidung treffen, ob sie nun für längere Zeit in Stuttgart bleiben würden und damit die Familie nachholen oder ob sie in ihre alte Heimat zurückkehren und damit der Weg zurück nach Stuttgart versperrt war. In vielen Gesprächen mit MigrantInnen aus dieser Generation wurde aber deutlich, dass dieses Datum in ihrer Erinnerung nahezu keine Rolle spielte. Es hat sie damals nicht so sehr beschäftigt, wie ich angenommen hatte. Viel deutlicher trat zu Tage, dass sie die Änderung des Bundeskindergeldgesetzes von 1975 beschäftigt hatte. Dieses führte zu einer unterschiedlichen Stellung von Kindern, die in Deutschland lebten und Kindern, die in der alten Heimat zurückgelassen wurden. Mit dieser neuen Gesetzeslage entschieden sich viele ihre Kinder nach Stuttgart zu holen und die getrennte Familie zusammenzuführen.

Mit diesem Thema eröffnete sich für mich ein Zugang zu einem weiteren, oftmals nicht beachteten Phänomen: die getrennten Familien mit den zurückgelassenen Kindern. Oftmals ließen Eltern ihre Kinder bei ihren Familien zurück, damit sie in Stuttgart Geld verdienen konnten. Eine Betreuung war in Stuttgart nicht sichergestellt und da viele davon ausgingen, früher oder später zu ihrer Familie zurückzukehren, hätte es keinen Sinn gemacht, die Kinder aus ihrem sozialen Umfeld zu reißen und sie in ein Land mitzunehmen, wo sie die Sprache nicht verstanden, Schwierigkeiten in der Schule bekommen hätten und die Eltern nicht hätten voll arbeiten können. Je länger die Eltern jedoch in Stuttgart blieben umso größer wurde das Dilemma. Eltern und Kinder sahen sich oft nur einmal im Jahr, Mütter und Väter wurden als Tanten und Onkel von ihren eigenen Kindern im Urlaub begrüßt.

Dies war ein Stadtgespräch, das viele Menschen in Stuttgart beschäftigte, von dem aber noch mehr Stuttgarter nichts wussten. Etwas das wir in der Dauerausstellung ändern wollen. Es fällt jedoch schwerer, als es zunächst aussieht. In vielen Familien ist diese Geschichte nicht aufgearbeitet und überwunden, manchmal durfte ein Kind mit den Eltern mitgehen und das andere wurde zurückgelassen. Die Frage des „Warum ich?“ ist in diesen Familien eine offene Wunde. Es fällt also schwer Menschen zu finden, die offen über das Thema berichten und noch viel schwerer Objekte zu erhalten, die genau diese Geschichte erzählen können. Objekte, die von einer Trennung erzählen und von einer Vereinigung.

Wir wollen dieses Stadtgespräch deswegen auch in der Recherche anders angehen. Dieser Teil der Ausstellung soll durch ein partizaptives Verfahren entwickelt werden. Es sollen also nicht wir Wissenschaftler im stillen Kämmerlein sein, die recherchieren und darüber nachdenken, wie dieses Gespräch aussehen soll. Hier möchten wir betroffenen Menschen zusammenarbeiten, die diese Ausstellungsinsel zusammen mit uns entwickeln, ihre Ideen einbringen. So haben wir uns hier auch auf dem Weg gemacht. Denn die Findung des Themas war wie beschrieben nicht unsere Idee, sondern wurde an uns in Gesprächen herangetragen. Deshalb wollen wir hier auch nicht über getrennte Familien reden, sondern mit ihnen.

Doch auch hier gibt es ein Dilemma. Bei unseren Ausstellungen zu verschiedenen Anwerbeabkommen ist uns bewusst geworden, das für viele Migranten ein Museum nicht als der Ort wahrgenommen wird, der ihre Geschichte erzählt oder sammelt. Sie suchen also historische Museen oftmals nicht auf, da die Verbindung zur eigenen Lebenswirkleichkeit oft fehlt. Daran tragen vor allem wir Museen Schuld, da wir uns zu wenig geöffnet haben und Migrationsgeschichte nicht als Teil der Stadtgeschichte wahrgenommen haben. Wir haben mit unseren Ausstellungen andere Erfahrungen sammeln dürfen, die wir in der Dauerausstellung umsetzen wollen. Um aber die Geschichte der Migration zu erzählen, brauchen wir Menschen, die diese Erfahrung gemacht haben und ihre Geschichte teilen wollen.

Wer also StuttgarterInnen mit dieser Geschichte kennt, oder selber berichten und erzählen möchte, oder wer sogar noch Objekte hat, die genau davon erzählen, soll sich bitte bei uns melden! Helft mit! Gestaltet mit uns!

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