Was heißt hier eigentlich Labor?

Diese Frage beschäftigt mich in letzter Zeit immer wieder, und ein paar meiner Überlegungen möchte ich hier gerne mit Euch teilen.

Der Begriff des Labors ist in aller Munde: In den Geistes- und Kulturwissenschaften genießt er seit einigen Jahren große Popularität, auch inspiriert durch die intensiven Auseinandersetzungen mit dem naturwissenschaftlichen Experimentallabor und wie dort Wissen hergestellt wird. So ist das Labor in den letzten Jahren zur Bezeichnung von universitären Arbeitszusammenhängen aller Art geworden. Sich ‚Labor‘ zu nennen beinhaltet dann zumeist und zuallererst das Bekenntnis zur Ergebnisoffenheit des Forschungsprozesses und dazu, auch die eigene wissenschaftliche Arbeit als ‚Experimentieranordnung‘ zu verstehen. Interdisziplinäre Forschungszusammenhänge, prestigeträchtige Excellenzcluster, aber auch kleinere Arbeits- und Projektgruppen heißen ‚Labor‘, ‚Lab‘ oder ‚Laboratorium‘.

Auch im kulturhistorischen Museumskontext erfreut sich der Begriff großer Beliebtheit. So konzipiert in Frankfurt am Main das Stadtlabor unterwegs des Historischen Museums gemeinsam mit Bewohner_innen der Stadt jährlich Ausstellungen. Ebenfalls in Frankfurt – diesmal im Weltkulturen Museum – gibt es das Weltkulturen Labor, in dem auf der Schnittstelle zwischen Ethnologie und Kunst an den Sammlungsbeständen des Museums geforscht wird und für das der Wiener Designer Mathis Esterhazy ein spezielles Labormobiliar entwickelt hat. In Berlin schließlich werden seit März 2013 im von der Bundeskulturstiftung geförderten Humboldt Lab Dahlem neue Zugänge des Ausstellens für das Humboldt-Forum im wiederaufgebauten Stadtschloss erprobt. Auch der Planungsstab des Stuttgarter Stadtmuseums betreibt ein Labor – das Stadtlabor, in dem Kinder und Jugendliche in eigenen Räumlichkeiten grundlegende Aspekte von Stadtplanung und Architektur kennen lernen und so ihren Blick für den Stadtraum schärfen sollen, auch um eigene Ideen zu entwickeln.

Der Laborbegriff findet also mit Vorliebe dort Anwendung, wo Prozessoffenheit signalisiert werden soll, wo es um (künstlerische) Forschung geht, wo Teilhabe und das Partizipatorische betont werden, oder wo die Fruchtbarkeit neuerer Ansätze aus der Forschung zu materieller Kultur für den Ausstellungskontext erprobt wird. Was aber macht den Begriff für die Planung des Stadtmuseums interessant? Ist er nicht längst so sehr in Mode, dass er im Prinzip alles und nichts heißen kann? Was könnte das ‚laborhafte‘ in den neuen Ausstellungen des Stadtmuseums sein, gerade vielleicht auch in den Sonderausstellungen?

Für diese Frage wäre es spannend, sich die Geschichte der vielfältigen Adaptionen des Labors im Museumskontext genauer anzuschauen. Der Schweizer Architekturhistoriker Sigfried Giedion beispielsweise schrieb 1929 in seinem kurzen Text „Lebendiges Museum“ über die Notwendigkeit eines „Versuchslaboratoriums“ in jeder öffentlichen Sammlung zeitgenössischer Kunst – einer „Abteilung, die die im Augenblick zur Diskussion stehenden Kunstrichtungen zu Wort kommen lässt“. Giedion plädierte dafür, die Museen als Orte der Gegenwärtigkeit zu verstehen – sie „sollen zu einer lebendigen Chronik der Zeit werden und die Dinge zeigen, so lange sie noch in Bewegung sind und nicht erst, wenn sie anfangen, im historischen Sarg zu liegen.“

Die Frage nach der Genese und der gegenwärtigen Konjunktur des Laborbegriffs im Museumskontext hat für uns vielleicht den Nutzen, nochmals anders danach zu fragen, wodurch sich unsere Ausstellungen im Wilhelmspalais auszeichnen sollen. Und in diesem Sinne ist mein Wunsch an unser Stadtmuseum – um endlich auch etwas zu Helena Gands wichtiger Frage von vor ein paar Wochen beizutragen – dass es vor allem auch die gegenwärtigen gesellschaftlichen Themen und Konfliktfelder sind, die als Verhandlungsfolie für unseren Blick zurück in die Geschichte (und vielleicht manchmal auch nach vorne in die Zukunft!) dienen. Ob es dabei ein ‚Labor‘ gibt oder nicht, ist vielleicht nebensächlich. Aber die Ausstellungen als ‚Versuchsanordnungen‘ zu begreifen, in denen viele unterschiedliche Akteure und Dinge miteinander in Dialog treten, ohne dass vorher unbedingt klar ist, was am Ende genau das Ergebnis ist – dies ist in meinen Augen die große Chance und auch die Herausforderung bei der Planung eines neuen Museums.

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