• Blick ins Depot des Stadtmuseums Stuttgart
  • Spendenbüchse aus dem 19. Jh. und zwei Spardosen
  • Sammlung Silber im Depot des Stadtmuseums

Das Gedächtnis einer Stadt – Felix zu Gast im Depot des Stadtmuseums

Vor kurzem hatte ich einen jungen Gast im Depot des Stadtmuseums: den 15-jährigen Felix. Auf seiner »Suche nach den Stuttgartern, den Schwaben und der Stadt selbst« habe ich ihn ein Stück begleitet.

Seine Eindrücke aus dem Depot des Stadtmuseums hat Felix für unseren Blog festgehalten:

»Das ist es also. Das Gedächtnis der Stadt Stuttgart. Das Großhirn einer Landeshauptstadt, einer jahrhundertelangen Stadtgeschichte. Feinsäuberlich sortiert liegen sie da, die Synapsen und Gedankenstränge der Stuttgarter, aufbewahrt in wohl temperierter Umgebung, und in dutzenden von Metallschränken verstaut.
Und ich, Felix Heck, bekomme hier eine Exklusivführung, nur für mich alleine.
Wirft man einen Blick hinter die weißen Schranktüren, offenbart sich dem Betrachter eine Fülle an historischen „Gehirnzellen“: Da liegen Orden, Anstecknadeln, Spendendosen und Protestplakate, Wahlposter und Emailleschilder.
Alles hat seinen Platz, trotzdem fällt es einem Besucher wie mir schwer, den Überblick über all diese geschichtlichen Nervenbahnen zu behalten.
Das echte Gehirn, sozusagen das Großhirn des Depots, hat derweil keine Probleme durch den Dschungel an Gehirnzellen zu führen.
Ich wurde von Edith Neumann eingeladen. Sie ist seit 2008 Sammlungsleiterin im Planungsstab Stadtmuseum, mit dem Auftrag, die bereits bestehende stadtgeschichtliche Sammlung für das neue Stadtmuseum im Wilhelmspalais systematisch auszubauen und zu erweitern.
Beinahe jeden Tag verbringt die promovierte Kunsthistorikerin seitdem im Depot des Museums am Neckarpark: Da, wo Jahrhunderte an Stadtgeschichte auf ihren baldigen Auftritt im Stadtmuseum warten. Noch müssen die zahlreichen Exponate sich jedoch gedulden, erst für 2017 ist ihr großer Auftritt vorgesehen, bis dahin bleiben sie in den Untergeschossen des Depotgebäudes; versteckt vor den ebenfalls ungeduldig wartenden Augen des Publikums.

12 000 Objekte zählt Edith Neumann bisher in der Sammlung, zugegebenermaßen noch ein sehr kleines Stadtgehirn, eher dem eines Neugeborenen gleichend. Daher ruht die erfahrene Kuratorin auch nicht. Regelmäßig durchforstet Neumann die Listen der großen Auktionshäuser und sichtet immer wieder Angebote von Sammlern.
„Vieles bekommen wir von privaten, geschichtsinteressierten Menschen geschenkt. Diese Schenkungen sind besonders wichtig für uns, weil wir dann meist auch noch die ganz persönlichen Geschichten dazu erzählt bekommen. Das ist für uns sehr wertvoll, weil wir im neuen Stadtmuseum die Geschichte der Stadt gerne anhand von persönlichen Erlebnissen erzählen wollen.“
Anders verhielt es sich bei der bisher teuersten „Synapse“ der stadtgeschichtlichen Sammlung: Auf den Prototyp des sogenannten Weißenhof-Stuhles des Architekten Ludwig Mies van der Rohe, der den Bau der Weißenhofsiedlung leitete, stieß Edith Neumann in einem Auktionskatalog aus München. Der Entschluss zum Kauf war schnell gefasst, schließlich ist für Edith Neumann der Bau der Weißenhofsiedlung 1927 eines der bedeutendsten Zeugnisse des Neuen Bauens: „Die intensive Bautätigkeit in den 1920er Jahren, und auch die Weißenhofsiedlung, haben die Stadt sehr verändert und geprägt. Nach dem 1. Weltkrieg wurde viel gebaut. Es entstanden sehr viele moderne Bauten in der Stadt, wie der Tagblattturm und der Hauptbahnhof von Paul Bonatz. Ihren Ruf als Stadt der Avantgarde hat Stuttgart meiner Meinung nach in den 1920er-Jahren bekommen, durch diese massive und neue architektonische Prägung im Stadtbild.“

Jedes neue Puzzleteil der Stadtgeschichte, ob Schenkung oder Ersteigerung, wird zunächst von einer Mitarbeiterin fotografiert, wissenschaftlich beschrieben, vermessen sowie mit einer Inventarnummer versehen. Erst nach dieser Aufnahme in die elektronische Sammlungsdatenbank verstaut Edith Neumann den Neuankömmling sicher in den zahlreichen Schränken.
Ganz besondere Vorsicht lässt Neumann bei den Silber- und Goldexponaten walten. Nur für wenige Gäste öffnen sich die metallenen Türen des Sicherheitsraumes, der sich ganz hinten in den zweistöckigen Depoträumen befindet.
Alarmgesicherte Türen trennen das Depot von seinen wertvollsten Stücken. Hinter der Tür herrschen kühle Temperaturen. Eine Klimaanlage sorgt überall im Depot für konstante 18 Grad Celsius, so ist am besten für das Wohlbefinden des sensiblen Edelmetalls gesorgt.
Bereits seit Wochen arbeitet Edith Neumann an den letzten Ausstellungsbereichen, die 2017 Einzug in die neuen Hallen des Stadtmuseums halten sollen.
Heute steht das Bestücken der Silberhandwerksvitrinen auf dem Programm. Edith Neumann weiß genau, welche von den dutzenden von Preziosen am besten in die Ausstellung passen: „Wir fokussieren uns im Stadtmuseum vor allem auf das 19., 20. und 21. Jahrhundert, die Zeit davor visualisieren wir in einem „Stadtchronik“ genannten Ausstellungsteil. Da Silberschmiede bereits vor 1800 in der Stadt tätig waren, suche ich heute auch einige Stücke für den Chronikteil aus.“
Prüfend fährt ihr geschulter Blick an den glänzenden Leuchtern und Gefäßen vorbei. Ein geeignetes Exponat scheint ihr bereits aufgefallen zu sein, es ist eine Zuckerdose aus dem frühen 19. Jahrhundert. Neumann streift sich Stoffhandschuhe über, vorsichtig greift sie das kleine, matt glänzende Gefäß und stellt es auf den Arbeitswagen. Auch ich bekomme weiße Arbeitshandschuhe, Metall und Edelmetall darf nie mit bloßen Händen angefasst werden, und eine Aufgabe.
Um das spätere Inventarisieren zu erleichtern, fertigt Neumann bereits jetzt ein Foto an, fügt wichtige Maße hinzu (weil ich jetzt tapfer messe) und schreibt die Inventarnummer auf.
So geht es stetig weiter. Kleinod für Kleinod wird aus den Metallschränken genommen, genau betrachtet, datiert und von mir vermessen, danach gleich wieder in die schützende Kühle des angestammten Platzes zurückgelegt. Ich lerne viel über Stil, über den „Tremolierstrich“, mit dem man den Silberwert bestimmt hat, und über die Prägemarken der Stuttgarter Silberschmiede. Am Ende haben wir beide wunderbare Stücke ausgesucht, aber verraten tun wir nichts!
„Bis Ende Dezember müssen wir mit allen Ausstellungsbereichen ähnlich verfahren. Dann ist die erste Phase für die Planung der Präsentation im Stadtmuseum abgeschlossen, und wir können mit der Realisierung und Ausführung weiter machen, so Edith Neumann. Aber wir freuen uns weiterhin über alles, was an Angeboten kommt.“
Noch trennen die Kuratorin und ihr Team also hunderte von Begutachtungen, Käufen und Schenkungen von dem gemeinsamen Stuttgarter Traum: Ein Stadtmuseum für alle Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt zu gestalten, ein repräsentatives Stuttgarter Gedächtnis im Wilhelmspalais, mitten im Kessel.

Wer bin ich
Mein Name ist Felix Heck, ich bin 15 Jahre alt und freue mich als „außerordentlicher Korrespondent“ für den Web-Blog des Stadtmuseums berichten zu dürfen.
Neben der Schule und dem Wasserballsport beschäftige ich mich äußerst gerne mit meiner Heimatstadt Stuttgart und dem Schreiben.
Ein Querschnitt aus diesen zwei Hobbys stellt mein momentanes Projekt dar, durch das ich Einblick in das Depot und die Arbeit des Stadtmuseums erhielt. Seit Sommer 2015 arbeite ich an einem Stuttgarter Porträtband, der nicht nur einige interessante „Stadtgesichter“ abbilden, sondern den Lesern auch eine „Suche nach den Stuttgartern, den Schwaben und der Stadt selbst“ ermöglichen soll. Bei meiner Auswahl an Stadtporträts dürfen das „Gedächtnis der Stadt“ und seine „Hüterin“ selbstverständlich nicht fehlen. Daher besuchte ich im Dezember 2015 Edith Neumann im Depot des Stadtmuseums.
Nach meinem mehrstündigen Besuch samt Rundgang und Interview war ich so begeistert über das Gesehene, dass dieser Beitrag nicht nur in dem derzeit entstehenden Sammelband zu lesen sein wird, sondern, in etwas veränderter Form, auch hier im Blog des Stadtmuseums.«

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