• Zigaretten-Sammelbilder (1925-35) haben wir schon in der Sammlung - aber wir wollen noch einen historischen Ball !
  • Fußball-Wimpel haben wir schon in der Sammlung - aber wir wollen noch einen historischen Ball !!
  • Ein Trikot haben wir schon in der Sammlung - aber wir wollen noch einen historischen Ball !!!
  • Einen Sattlerpokal haben wir schon in unserer Sammlung - aber wir wollen noch einen historischen Ball !!!! Aufnahme: Uwe H. Seyl

Fußlümmelei

Wer die Fußball-Ausstellung vor drei Jahren in Cannstatt gesehen hat, weiß, daß dieser Ballsport hier eine weit zurückreichende Tradition hat. 1865 wurde ja schon auf dem Wasen das Leder getreten und die ersten Vereine an Neckar und Nesenbach bildeten sich im ausgehenden 19. Jahrhundert. Nicht zuletzt deshalb steht fest, daß der Fußball sich im neuen Stuttgarter Stadtmuseum finden muß, zumal alle Beteiligten davon ausgehen, daß es sich um ein Thema handelt, das viele Besucher und Besucherinnen jedweden Alters interessieren wird. Voraussetzung für eine Präsentation in der Dauerausstellung sind natürlich entsprechend attraktive Exponate. Um eines dieser potentiellen Exponate und um die Suche nach einem anderen, noch nicht vorhandenen, einem Desiderat also, soll es in meinem ersten Blogbeitrag heute gehen. Ich darf mich nämlich als freier wissenschaftlicher Mitarbeiter im Planungsstab Stadtmuseum Stuttgart unter anderem dem Sachgebiet „Fußball“ widmen.

Der erste Gang im Zuge meiner Recherchen zu Thema und Objekten führte mich logischerweise ins Museumsdepot. Man will schließlich sehen, ob und was denn an Fußball-Objekten in den mehr oder minder langen Jahren des Sammelns und Bewahrens in Stuttgart so zusammengekommen ist. Museologin Harriet Müller an meiner Seite, durchschritt ich also erwartungsfroh den neonbeleuchteten klimatisierten Depottrakt. Wir öffneten etliche Metallschränke, Schubladen und Regalfächer. Neben einschlägig zu erwartenden Dingen wie Trikots, Wimpel und Trophäen überraschte mich hier vor allem ein Pokal, der laut Inventarbuch satte 400 Jahre alt sein soll und an dem ein kleiner silberner Fußball baumelt. Sofort wabern bei solchen historischen Zeiträumen Bilder von bolzenden alten Azteken, Chinesen und Florentinern vor dem geistigen Auge. Sollten wir zu diesen wissenschaftlich belegten Fußball-Urmenschen jetzt auch noch die Stuttgarter zählen dürfen, ja müssen? Bei näherem Hinsehen stellt sich schnell heraus: Leider nein, denn auch hier liegt die Wahrheit, wie so oft, im Kleingedruckten, genauer gesagt im Kleingravierten. Unterhalb von Namen und Jahreszahlen die außen in die Wandung des Pokals graviert sind, wie z.B. IACOB QVATTLENDER 1634 oder NICODEMVS BECKH 1636, hängt an einem Reif das erwähnte silberne Fußbällchen, das die Inschrift GUSTAV GASTEL 1926 trägt. Und nur dieses Anhängsel macht aus einem rituellen Trinkgefäß der Stuttgarter Sattlerzunft, denn um ein solches, einen sogenannten „Willkomm“ handelt es sich hier, quasi einen Fußballpokal. Das Fußbällchen hängt neben anderen silbernen Miniaturen von Sattlerprodukten, außer von Gustav Gastel noch von weiteren Stuttgarter Handwerksmeistern der 1920er Jahre; ein silberner Mini-Koffer z.B. trägt die Inschrift ERNST KURZ 1926 und ein Halbmondmesser ist signiert W. MAYER 1926. Mittels dieser Produkt- bzw. -Werkzeugsymbole repräsentierten sich die innungsmäßig organisierten Stuttgarter Sattlermeister im frühen 20. Jahrhundert. Sie bewahrten das damals 300 Jahre alte Zunftgefäß, den Sattlerwillkomm und sie versuchten an Ethos und gesellschaftliche Stellung ihrer historischen Berufsgenossen anzuknüpfen. Einer von ihnen, Gustav Gastel, wählte 1926 eben einen Fußball als Zeichen seiner Handwerkskunst, als „Aushängeschild“ gewissermassen für sich und seinen Betrieb. Das läßt darauf schließen, daß Gastel einen solchen Lederball als sehr hochwertiges Produkt betrachtete, dessen Herstellung und Qualität Ansehen und Reputation seiner Person und seiner Werkstatt beförderte. Gleichzeitig dokumentiert eine solche Verwendung eines Fußballs als „Firmenschild“ auch, daß in den 1920er Jahren die Sportart den Durchbruch in Deutschland geschafft hatte, Fußball zu einem beliebten Breitensport geworden war.

Das war noch im ausgehenden 19. Jahrhundert keineswegs so. Nicht zuletzt der ausgerechnet in Stuttgart wirkende Turnlehrer Karl Planck wetterte in seiner Streitschrift „Fusslümmelei“ 1898 stramm deutschnational gegen den aus England gekommenen Fußball: „Da schlag doch gleich das Wetter drein! Müßt ihr denn immer und überall die gehorsamen Affen des Auslands bleiben, im pax de deux tanzen, wenn der Franzmann vorgeigt, oder nach dem schottischen Dudelsack, während euch der schlaue Gentleman in Afrika und anderwärts den Bärenpelz über die Ohren zieht! Warum bleibt ihr nicht bei eurem deutschen Stehruder, standrecht im Gleichgewichtskampf auf schwankendem Grund, selbständig, zielscharf auch im Verein der Genossen wie die hallischen Halloren, die Ulmer Fischer, ja selbst noch die Sennerin auf den deutschen Seen es euch heute beweisen? Habt ihr denn nicht genug an eurem Schwungball mit und Stoßball ohne Riemen? Muß er denn wirklich hohl, und wenn hohl, mit dem Fuß gestaucht, statt mit der Hand geschlagen sein?“ Aber alles Granteln, Poltern und Polemisieren half nichts, spätestens in den 1920ern hatte sich der Fußball in Deutschland weitgehend etabliert, auch wenn z.B. an bayerischen Schulen bis 1927 ein Fußballverbot galt (Begründung: Fußball gefährde den schulischen Fleiß). Die Bälle wiederum waren und blieben hohl, erfuhren jedoch stetige Verbesserungen, was u.a. auch die Akten des Deutschen Patentamtes belegen.

Man könnte also die Geschichte des Fußballs in Stuttgart nicht nur anhand von Vereinen und Spielern erzählen, sondern auch die Hintergrundstory von der anfangs stark handwerklich geprägten Herstellung der Bälle. Schön wäre es natürlich, wenn dann als Exponat im 2017 zu eröffnenden Stadtmuseum nicht nur ein Sattlerpokal mit kleinem silbernen Anhänger, sondern ein lebensgroßer Stuttgarter Ball aus den 1920er Jahren in der Machart jenes Anhängers, bestehend aus 12 Lederteilen, ausgestellt werden könnte.

Blogleser und -leserinnen haben deshalb jetzt die Chance sich große Verdienste um Stadt- und Fußballgeschichte zu erwerben, indem sie Hinweise auf einen solchen Ball oder gar einen leibhaftigen historischen Ball selbst beisteuern. Das Stadtmuseum Stuttgart würde einen derartigen Ball sehr gerne in der künftigen Ausstellung präsentieren. Es gibt auch schon ein freundliches Angebot für eine solche Leihgabe aus Leipzig. Aber Hand auf´s Herz, Stuttgarter Fußballfans, Anhänger des VfB, der Kickers und all den anderen ruhmreichen Vereinen: Wollt Ihr das?

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  1. Hi Fußballer,

    natürlich ist es wichtig den Fußball der eigenen Stadt zu präsentieren und keinen aus kulturell bessergestellten Gegenden entsenden lassen zu müssen. Strengt euch an Stuttgart!

    Ich wünsche viel Erfolg.

    Frank Ketterer –
    ein Badner

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