Demokratisierte Geschichte

Was wir aus früheren Zeiten wissen, kennen wir größtenteils aus schriftlichen Quellen. Von Königen und Kriegen kann die Historikerzunft viel berichten, weil Haus- und Hofschreiber beauftragt und bezahlt wurden, die Heldentaten ihrer Herrschaften festzuhalten. Auch der Adel und das Bürgertum hatten ausreichend Kleingeld und die notwendige Bildung, um Lebenszeugnisse schwarz auf weiss zu hinterlassen. Über den Großteil der Bevölkerung bleibt das Wissen jedoch begrenzt, da es nur wenige Zeugnisse von ihnen gibt. Als Stadtmuseum interessieren wir uns aber gerade auch für die vielen Stuttgarterinnen und Stuttgarter, die es nicht in die Geschichtsbücher geschafft haben.

Um diese Geschichten aufzuspüren und sie gleichzeitig für die Zukunft zu bewahren, führen wir deshalb Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen.

Zuletzt haben wir den 1922 in Stuttgart geborenen Fritz Roller und seine Tochter Waltraud besucht. Mehr als zwei Stunden haben wir Herrn Roller mit Fragen gelöchert und dabei eine Menge erfahren… z.B.
…wo im Stuttgarter Osten die größte kommunistische Flagge gehisst wurde?
Natürlich bei Rollers selbst im Nelkenweg. Die Fahne war so groß, dass sie vom Dachfenster bis zur Straße reichte!
…was sich hinter so manchem Hitler-Porträt in Stuttgarter Wohnzimmern verborgen war?
In der Wohnung von Rollers wurde dahinter ein Bild von Josef Stalin versteckt – »das konnte nach dem Krieg dann auch gleich hängen bleiben.«
…und wie im Kaufhaus Schocken früher die Schuhgrößen ermittelt wurden?
Mithilfe eines Röntgenapparats, der sich bei Kindern wie Fritz Roller größter Beliebtheit erfreute. Aber auch für Eltern bot der Apparat ein willkommene Hilfestellung, so konnten sie überprüfen, ob auch ja »ausreichend Luft« in Schuh war – reinwachsen konnte man schließlich immernoch.

Gemeinsam tauchten wir so in ein Stuttgart der 1920er bis Nachkriegsjahre ein, das in schriftlicher Dokumentation wohl niemals so lebendig hätte erzählt werden können wie es Fritz Roller mit seinen detailreichen Schilderungen, seinem Witz und seinem Charme tat. Dafür noch einmal unser herzlichster Dank!

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