• Die wichtigste Grundlage für die Provenienzforschung sind die Erwerbsunterlagen wie z. B. die Eingangsbücher.
  • Vor der digitalen Ära mussten sich Mitarbeiter der stadtgeschichtlichen Sammlung mithilfe der Objektkartei über die vorhandenen Objekte informieren. Diese Kartei dient heute als wichtige Quelle für die Provenienzforschung.
  • Teile der von deutschen Juden 1939 zwangsweise an die Städtische Pfandleihanstalt Stuttgart verkauften Silberobjekte. Diese Silberleuchter kamen 1939 in die stadtgeschichtliche Sammlung.
  • Inventarbucheintrag zu den Silberobjekten, die Stuttgarter Juden und Jüdinnen der Städtischen Pfandleihanstalt 1939 übergeben mussten und die das Stuttgarter Archiv dann erwarb.

Stichwort Provenienz

Der Planungsstab beschäftigt sich nicht nur mit der zukünftigen Dauerausstellung des Stadtmuseums. Seit Juni wird durch eine vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderte Projektstelle auch die eigene Sammlungsgeschichte mittels Provenienzforschung genauer nachverfolgt.

Zugegeben, der Begriff »Provenienzforschung« sagt außerhalb des Mikrokosmos Museum nicht wirklich Vielen etwas. Aber angehen tut sie uns eigentlich alle. Deshalb hier ein kleiner Crashkurs in Sachen Provenienzforschung:

Provenienz kommt vom lateinischen Wort für »Herkunft«, denn die Provenienzforschung beschäftigt sich mit der Herkunft der Objekte aus öffentlichen Sammlungen. Jedes Objekt, das in einem Museum, in einer Bibliothek oder in einem Archiv aufgenommen wird, hatte vorher sozusagen schon eine »Biographie«, einen oder mehrere Vorbesitzer und einen Weg, wie es in die Museumssammlung kam. Diese Biographie zu ermitteln, ist Kernstück der Provenienzforschung.

Das »Forschende« an der Sache ist, dass bei vielen Objekten heute nicht mehr nachvollziehbar ist, wie sie in das Museum kamen. Besonders eklatant ist das bei denjenigen Objekten, die etwa während des Kolonialismus, im Nationalsozialismus oder in der DDR-Zeit in die Sammlungen kamen, da man in diesen Fällen nicht davon ausgehen kann, dass all diese Objekte freiwillig von ihren Vorbesitzern an die betreffenden Stellen abgegeben oder verkauft wurden.

Diese Lücke soll mithilfe der Provenienzforschung geschlossen werden. Wem gehörte was? Wann und warum kam es in die Sammlung eines Museums? War die Erwerbung rechtmäßig oder wurde das Objekt beschlagnahmt, enteignet, unter Zwang zu einem zu niedrigen Preis verkauft, weil es die Lebensumstände der vorherigen Besitzer erzwangen?

Diese Fragen werden nun also auch im Stadtmuseum gestellt. In unserem speziellen Fall geht es um die systematische Erforschung der Provenienzen sämtlicher Erwerbungen der stadtgeschichtlichen Sammlung Stuttgart zwischen 1933 und 1945.

Dabei sollen von den über 10.000 Objekten, die sich in der stadtgeschichtlichen Sammlung befinden, diejenigen ausfindig gemacht werden, die auf eine bedenkliche Provenienz hinweisen und aufgrund von NS-verfolgungsbedingtem Entzug ihres ursprünglichen Besitzers in die Sammlung kamen.

Fest steht bisher, dass mindestens 1.412 der in der Sammlung des Stadtmuseums befindlichen Objekte in den Jahren 1933-45 erworben wurden und somit untersucht werden müssen. Bei über 2.200 Objekten muss noch der Erwerbszeitraum geklärt werden, da die Daten bisher nur rudimentär erfasst sind. Wenn klar ist, um wie viele Objekte es sich handelt, werden alle Hinweise auf Vorbesitzer, Händler, Erwerbsumstände anhand der Eingangsbücher, der Objektdatei, der museumsinternen Akten, der Inventardatenbank und der Informationen am Objekt selbst für die betroffenen Objekte recherchiert und dabei eine erste Kategorisierung in unbelastete Objekte und belastete Objekte getroffen. Stammt das Objekt beispielsweise nachweislich aus der städtischen Überlieferung, kann ein verfolgungsbedingter Entzug möglicherweise ausgeschlossen werden. Gibt es in den gesichteten Unterlagen hingegen Hinweise auf einschlägige Einlieferer, muss die Provenienz weiterrecherchiert werden.

Nach dieser Klärung wird die systematische Recherche der als bedenklich eingestuften Objekte beginnen. Dafür wird nach den Erwerbsvorgängen in den relevanten Archiven recherchiert, also zu den ausgemachten Einlieferern, Händlern, Auktionen und Versteigerungen und Institutionen. Darüber hinaus werden Auktionskataloge abgeglichen, zu den Überweisungen von Finanzbehörden und Landratsämtern recherchiert und schließlich mit der biographischen Recherche zu einschlägigen Sammlern in Stuttgart und den jüdischen Einwohnern Stuttgarts begonnen.

Sollte schließlich nach all den Recherchen ein Objekt einer Person zugeordnet werden können, der es unrechtmäßig entzogen wurde und der ehemalige Besitzer (beziehungsweise Erben) ausfindig gemacht werden können, sollen Schritte eingeleitet werden, um gemäß der Washingtoner Erklärung – einer der Grundlagen der Provenienzforschung – »faire und gerechte Lösungen« mit den Nachkommen zu finden. Dies könnte dann mit der Restitution von Objekten enden.

Ob es soweit kommt? Das wird die Recherche zeigen. Es ist auf alle Fälle viel zu tun! Ich werde Euch auf dem Laufenden halten.

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