• Man beachte den Deckel: Schreibtischsicherheit ist Priorität!
  • Der Blick über den Kessel
  • Schlüssel, Wasser, Telefon, Notizblock...und die RAF.

Teatime im Tagblatt-Turm

Traditionell nimmt man neues Land mit dem Hissen einer Flagge in Besitz. Wenn man aber das städtische Mobiliar nicht schon am ersten Arbeitstag mit einer Fahnenstange zerstören will, bietet sich eine Topfpflanze oder ähnliches an, um den Besitzansprüchen im neuen Büro Ausdruck zu verleihen. Ich habe mich für eine Teetasse entschieden.

Seit beinahe vier Wochen setze ich mich jeden Morgen in den Zug, um aus dem schönen Tübingen ins schöne Stuttgart zu pendeln, aus meiner neuen in meine alte Heimat, die ich hier aus dem 12. Stock des Tagblattturms ganz wunderbar überblicken kann. Hier aus dem Fenster des Büros, das ich mir mit meiner genauso frischen Mit-Volontärin Malena teile, kann ich den anderen wichtigen Stuttgarter Turm, den Fernsehturm, sehen. Nach 10 Jahren bin ich zurück im Kessel, und zwar mittendrin, gar nicht weit von meiner alten Schule. Mitten drin in Stuttgart, mitten drin in Stuttgarter Themen.

In diesen vier Wochen hat sich viel getan: Ich habe die Baustelle besichtigt, das Depot kennengelernt, mich mit der Datenbank vertraut gemacht, Ansprechpartner, freie Mitarbeiter und die Gestalter getroffen und kann inzwischen die Abkürzungen städtischer Verwaltungsstrukturen und Namen, die mir begegnen, einordnen und beinah souverän benutzen. Vor allem aber habe ich mich eingelesen und eingearbeitet in das, was auf mich in den nächsten zwei Jahren inhaltlich zukommen wird. Was ich davor nur als schnöde Theorie aus dem Konzept kannte, ist plastisch geworden, seit ich die Objekte kenne und in der Hand gehalten habe. Bürgerlicher Aufbruch, der Erste Weltkrieg und das Aufkommen der Konsumgesellschaft, die RAF im Deutschen Herbst und Stuttgart 21 – vielfältiger hätte ich es mir nicht wünschen können. Dabei mache ich an der Stelle weiter, an der Volontäre vor mir aufgehört haben, wälze mich durch dicke Rechercheordner, lese Forschungsüberblicke, klicke mich durch einen Urwald aus Dateien und digitalen Ablageplätzen und stelle viele, viele Fragen. Dementsprechend stapeln sich auf meinem Schreibtisch im Moment vor allem noch die Unterlagen anderer, deren Namen immer wieder in Konzeptionsgesprächen auftauchen oder die immer noch in der Telefonanlage eingespeichert sind. (Hey, Käthe!) Und ich darf jetzt dabei sein, wenn alle diese Vorarbeiten in eine richtige, echte, wirkliche Ausstellung zum Anfassen umgesetzt werden. Also, fast zum Anfassen. Ein bisschen zum Anfassen. Zum Erleben, auf jeden Fall.

Bis dahin ist es natürlich noch ein ganzes Stück Arbeit, das ich auf meinen Schreibtisch zu organisieren versuche. Dabei verlasse ich mich hauptsächlich auf meine bunt markierte Excel-Liste mit Aufgaben, die jede Woche weiter wächst. Alles andere wird mit Post-Its an den Bildschirm, ans Telefon und die Teetasse geklebt, auf dass es nicht vergessen werde. Elementarer Teil des Schreibtisches ist die Telefonliste, damit ich, wenn ich Telefondienst habe, Anrufer schnell an den richtigen Kollegen weiterleiten kann. Außerdem: der Schlüssel! Unsere Büros sind über zwei Stockwerke verteilt und es passiert leicht, dass man dann doch ohne Schlüssel im Treppenhaus strandet. Und zu guter Letzt…Kopfhörer. Wenn der Lärm der Baustelle direkt neben dem Haus zu viel wird, dann sind sie eine gute Konzentrationshilfe.

Diese vier Wochen waren turbulent. Jetzt kommen die nächsten vier Wochen, dann nochmal vier und dann noch 92, bis ich diesen Schreibtisch wieder leere und dem nächsten Volontär überlasse. Dann wird der Schreibtisch aber schon im Wilhelmspalais stehen, das Museum eröffnet und die Stadtgeschichte für alle zugänglich sein. Meine letzte Tasse Tee werde ich dann im Museums-Café auf dem Balkon im Wilhelmspalais trinken.

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  1. Diese Volontärin hat einen grandiosen Ausblick aus ihrem bürofenster und ein sehr interessantes Themengebiet .viel Glück und ab und zu eine Verschnaufpause bei einer Tasse Tee

  2. Wow, was für eine Themenspanne; da muss die Volontärin aber ganz viel „schaffe“. Bin gespannt auf das Ergebnis in zwei Jahren. Das ist dann auf jeden Fall mal wieder ein Besuch in Stuttgart wert….

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