• Wie kamen die Objekte in die Sammlung?
  • Im Depot des Stadtmuseums befinden sich viele Objekte, deren Herkunft nicht eindeutig ist.
  • Wichtige Quelle: Die Zugangsbücher dokumentieren die Eingänge von Sammlungsobjekten.
  • Diese Präsidialglocke aus Sillenbuch wurde mit der Eingemeindung Sillenbuchs 1933 ihrer Funktion beraubt und wurde somit in die Sammlung übergeben.
  • Die Präsidial-Glocke stammt aus der Dorfgemeinde Sillenbuch wie die Objektkarte Auskunft gibt.
  • Wieso kam die Harfe in die Sammlung? Die Umstände müssen geklärt werden!

Viele Wege führen… in die Sammlung

Die Stadt Stuttgart hat im Jahr 1928 begonnen, Objekte, die für die Stadtgeschichte Stuttgarts von Bedeutung sind, zu sammeln. Heute betreut, dokumentiert und erforscht das Stadtmuseum einen Großteil dieser Objekte. Die Sammlung besteht mittlerweile aus ungefähr 12 000 Objekten und viele davon erzählen uns teilweise längst Vergessenes über Stuttgart. Sie sind es, die in der kommenden Ausstellung im Wilhelmspalais den Besucherinnen und Besuchern die Stadtgeschichten Stuttgarts näher bringen werden.

Aber woher kamen diese Objekte eigentlich bevor sie Sammlungsobjekt wurden?

Um zumindest einen Teil der Sammlung auf seine Herkunftsgeschichte zu untersuchen, startete im Juni 2016  das Projekt zur Provenienzforschung im Stadtmuseum. Dafür werden 1442 Objekte unter die Lupe genommen, die in den Jahren 1933 bis 1945 in die stadtgeschichtliche Sammlung aufgenommen wurden und geprüft, ob sie aufgrund von Verfolgung ihrer Vor­besitzer im Nationalsozialismus in die Sammlung gelangten. Wie findet man das heraus?

Jedes Objekt, das in die Sammlung gekommen ist, wurde meist und wird heute noch immer mit einer Inventarnummer, einem Eingangsdatum, einer Angabe zur Person, die das Objekt eingeliefert hat und manchmal mit weiteren hilfreichen Informationen wie Preisen, Adressen oder Auktionen versehen. Diese Aufnahme ist mitnichten vollständig und leider auch nicht immer eindeutig. Viel zu oft finden sich nur Nachnamen oder Abkürzungen auf den alten Karteikarten, deren Spur noch weiter nachgegangen werden muss. Hier setzt die Provenienzforschung an und versucht diesen ersten Hinweisen nachzugehen.
Erste Rückschlüsse konnten bereits festgestellt werden:

Ein Weg in die Sammlung ist beispielsweise der über die städtische Verwaltung selbst: Mindestens 74 der 1442 Objekte stammen nach jetzigem Kenntnisstand aus städtischer Überlieferung. Sie wurden über andere Ämter an das Stadtarchiv abgegeben. Dazu gehören beispielsweise Objekte wie die Präsidialglocke aus der ehemaligen Dorfgemeinde Sillenbuch. Mit der Eingemeindung Sillenbuchs 1933 wurde sie in der Gemeinde nicht mehr benötigt und so landete sie schließlich zur Verwahrung in der stadtgeschichtlichen Sammlung. Auch Stadtfahnen, Stempel und Siegel, die irgendwann nicht mehr genutzt wurden, kamen mit den Jahren ebenfalls in die Sammlung.
Diese Objekte können zu einen Großteil von dem Verdacht auf verfolgungsbedingten Entzug freigesprochen werden, da sie quasi seit ihrem Bestehen im Besitz der Stadt waren.

Bei über 500 anderen Objekten, die von einem gewissen Otto Burger für die Sammlung angekauft wurden, wird es schon schwieriger. Otto Burger war ein Flaschnermeister aus Stuttgart, wie erste Recherchen ergaben, der seit 1936 rege Geschäfts­kontakte zum Stadtarchiv, das damals die stadtgeschichtliche Sammlung verwahrte, pflegte. Er vermittelte vornehmlich Objekte aus dem handwerklichen Bereich und der Landwirtschaft an das Stadtarchiv. Wo er seine Objekte bezog, ist noch unklar und eine der wichtigen Fragen, die dringenden Klärungsbedarf für die Provenienzforschung aufweist.

Etwa 100 weitere Objekte kamen über verschiedene Institutionen, wie die städtische Pfandleihanstalt, die Mittel­standshilfe, die Brockensammlung oder die Fürsorgeanstalten in die Sammlung. Diese müssen bei der weiteren Forschung genau überprüft werden.
Die städtische Pfandleihanstalt fungierte im Nationalsozialismus beispielsweise als Sammelstelle für die Edelmetallabgabe, zu der jüdische Stuttgarterinnen und Stuttgarter ab Februar 1939 gezwungen waren. Ca. 60 Objekte des Stadtmuseums stammen aus dieser Quelle. Sie wurden an die Datenbank zur Dokumentation von Raub- und Beutekunst LostArt gemeldet und sind dort online für jedermann einsehbar.
Die Rollen der anderen Institutionen in der NS-Zeit müssen hingegen in den folgenden Recherchen noch überprüft werden.

60 weitere Objekte wurden über die Händler Otto Greiner und Paul Hartmann angekauft. Diesen Stuttgarter Händlern, die ihre Verkäufsräume in der Königstraße besaßen, wurde der Handel mit jüdischem Kulturgut bereits mehrfach nachgewiesen, wie etwa die Forschungen am Landesmuseum Stuttgart offenlegen. Hier liegt der Verdacht nahe, dass sich unter diesen Objekten Dinge befinden, die ihren Vorbesitzern unrechtmäßig entzogen worden sind oder unter dem Druck der Verfolgung für einen zu niedrigen Preis verkauft wurden. Dies wird künftig mithilfe von Auktionskatalogen und Unterlagen von Versteigerungen überprüft.

Über 300 weitere Objekte stammen von Karl Sauter, der mit Antiquitäten handelte. Auch bei ihm muss, wie bei Otto Burger, noch herausgefunden werden, wo er im Einzelnen sein Handelsgut bezog. In einem Fall konnte ihm der Handel mit jüdischem Kulturgut nachgewiesen werden. So wollte er 1939 eine Silberdose aus jüdischem Besitz ankaufen, die er wiederum weiterverkaufen wollte. Hier muss nun nach weiteren Belegen recherchiert werden, um festzustellen, ob der Handel tatsächlich zustande kam und unter welchen Umständen dies passierte.

In den Eingangsunterlagen tauchen noch viele weitere Namen auf, die nun Stück für Stück identifiziert werden. Einige erscheinen als Händler häufiger in der Objektkartei, so wie etwa Eugen Stubenvoll, Jakob Knoblauch, und Karl Hezel. Bei anderen scheint es sich um Privatpersonen zu handeln, die sich einmalig an das Stadtarchiv richteten, wie zum Beispiel Antonie Wiedmann, die sich 1940 von ihrer seit über 100 Jahren in Familienbesitz befindlichen Harfe trennte, als sie aus ihrer Wohnung zog.

Bei ihnen allen müssen die Umstände der Übergabe an das Stadtarchiv noch geklärt werden und die Vorbesitzer ermittelt werden, um festzustellen, ob ein verfolgungsbedingter Hintergrund vorliegt.

 

Literatur: Heuss, Anja: Die Sammlung von Moses Moritz Horkheimer, in: Exilforschung 29 (2011), S. 139-151.

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